Messbarkeit und Ziele

Messbarkeit und klare Zielsetzungen bringen nicht nur Sportler weiter. Auch im Verkauf sind diese Aspekte zentral. Denn das Messen der eigenen Leistung und die Analyse der Resultate ermöglichen zwei zentrale Dinge. Erstens, eine objektive Bestandesaufnahme auf der Basis von Fakten, ohne das oft trügerische, tagesabhängige subjektive Bauchgefühl. Und zweitens, daraus die richtigen Massnahmen abzuleiten und umzusetzen. Deren Fortschritt kann dann nach einer bestimmten Zeit erneut auf ihre Wirksamkeit geprüft und weitere Massnahmen eingeleitet werden. Nur so können wir Leistung nachhaltig erhöhen. Im Sport und im Verkauf.

In meinem Beruf als Verkaufstrainer erlebe ich zu oft, dass sich Verkäufer – in diesem Falle nenne ich sie “Prisoners of Hope” – die Situation schön reden, die Realität verwischen und sich damit der Chance berauben, sich gezielt weiter zu entwickeln. Kritik ist unangenehm. Die an uns selbst sowieso. Wer lässt schon gerne die Hosen runter?

Ende Oktober habe ich das bei Training & Diagnostic in Zürich getan. Wortwörtlich. In Rad- und Laufbekleidung habe ich mich zweimal auf den Prüfstand gestellt. Sportler nennen das einen Leistungstest, eine Bestandsaufnahme meiner physischen Verfassung und Leistungsfähigkeit. Gleich vorweg, die Resultate waren schlecht. Massiv schlechter als meine Verkaufszahlen. Aber vielleicht liegt da ja auch der Hund begraben. Zum ersten Mal Rückschritt. Liegt es daran, dass ich als Nachzügler im Ausdauersport DEN Plafond erreicht habe, wo echter Fortschritt nur noch durch besonders harte Arbeit einstellt? Oder habe ich etwa schon meinen Alterszenit überschritten? Was bedeuten würde, dass meine Midlife-crisis nun definitiv hinter mir liegt?

Wenn ich ehrlich bin – alles kein Thema. Der Grund ist ganz einfach. Ich habe fast alle meine Wettkämpfe in diesem Jahr abgesagt oder verschoben. Auf gut Deutsch habe ich mich meiner Herausforderungen bestohlen. Die Notwendigkeit, mich aus der Komfortzone heraus zu bewegen fehlte komplett. Sehr zur Freude meines inneren Schweinehundes. Der entspannte Körperzustand fühlte sich zwar bis zum Test gut an, danach aber eher beängstigend bis beschämend.

Noch schlimmer. Nebst der Leistungsmessung auf Fahrrad und Laufband haben wir mit Hilfe des DXA-Scans auch meine „Körperzusammensetzung“ gemessen. Und zwar präzise. Die statistisch ermittelten Werte meiner high-tech Wellnesswaage waren zwar schmeichelnd aber wie sich herausstellte weit entfernt von der Realität.

Damit ich die Gänge nun wieder reinkriege mussten einmal mehr neue Ziele her. Und zwar solche, die mich dazu zwingen die Komfortzone zu verlassen. Und zwar heute schon. Handlungsnotstand ist nach wie vor die beste Motivation. Nur so gelingt es mir, mich definitiv vom inneren Schweinehund zu verabschieden.

In Absprache mit den Profis bei Training & Diagnostic haben wir zwei Dinge angeschaut:

  1. Wieviel Zeit bleibt mir bis zu den Saisonzielen 2016?
    Bis zum ersten Trainingswettkampf anfangs März in Irland will ich die Basis gelegt haben. Meine Saisonziele folgen dann Ende Juni, Mitte August und anfangs September, so dass noch genug Zeit bleibt, mich optimal auf diese vorzubereiten. Allesamt sind lange Ausdauerwettkämpfe mit mehreren Disziplinen. Was die Sache nicht viel einfacher macht, den Druck zum Training aber mächtig erhöht.
  2. Wo liegen die Defizite hinsichtlich dieser Ziele?
    Zurück zu meinen Defiziten hinsichtlich meiner Ziele im kommenden Jahr. Sie liegen an zwei wesentlichen Stellen. Erstens muss ich meine Fettverbrennung weiter optimieren, so dass ich auf den teilweise endlos langen und kalten Rennstrecken meine grössten Energiereserven anzapfen kann. Das muss der Körper aber lernen. Und zweitens, die maximale Sauerstoffaufnahme muss rauf. Das heisst, der Körper soll auch unter starker Belastung in der Lage sein, möglichst viel Sauerstoff aufzunehmen.
  3. Wie sieht die wöchentliche Umsetzung aus?
    Nur Ehrlichkeit mir selbst gegenüber bringt mich hier weiter. In den nächsten Monaten definiert wohl definitiv der Weg das Ziel und nicht umgekehrt. Runtergebrochen auf meine Trainingswoche bedeutet das rund 10 Stunden, nach Möglichkeit und situativ auch mehr. Das erarbeitete Konzept musste einfach und gut einplanbar sein. Wo weniger Zeit zur Verfügung steht, muss das Training effizienter werden, die Wirkung ähnlich hoch sein. Im wesentlichen stehen mir jetzt drei Module zur Verfügung:
  • täglich eine kurze Rumpfeinheit gefolgt von einem frühmorgendlichen Nüchterntraining im Grundlagenbereich
  • zwei bis drei Mal ein abendliches Krafttraining (oder über Mittag)
  • lange Ausdauereinheit am Wochenende
  • Alle drei Wochen steht der Plan während der HIIT-Woche (High Intensity Interval Training) Kopf. Das ist quasi die Ausverkaufs-Woche, da wird in harten Intervall alles gegeben und der Körper dabei gezwungen, insbesondere in harten Situationen die Sauerstoffaufnahme zu optimieren. Ein klein wenig könnte man das mit den Commercial Days oder Calling Days einiger Kunden vergleichen. Tage oder Stunden, an denen Teufel komm raus telefoniert wird.

 

Gibt es daraus einen Transfer in die Verkaufspraxis?

Ein Kunde sagte nach einer Workshopreihe folgendes zu mir: „Herr Utz, das was sie da machen ist keine Rocket Science. Und eigentlich haben wir das bisher in der einen oder anderen Form auch schon gemacht. Aber ich sehe zwei Erfolgsfaktoren. Erstens, wir müssen sicherstellen, dass wir es tun. Und zwar konsequent und strukturiert. Und zweitens, es gibt einige Hebel, mit denen wir den Wirkungsgrad gezielt erhöhen können.“ Recht hat er. Deshalb gilt abgeleitet aus obigen Sporterfahrungen:

  • Bewusst gemeinsam die Komfortzone definieren und verlassen
  • Ambitiöse aber realistische Ziele setzen
  • Den Druck auf vernünftigem Niveau konstant halten
  • Den Weg gemeinsam definieren und wo notwendig gezielt Unterstützung bieten – vor allem auch externe von einem Profi
  • Tägliche Aktivitäten festlegen, einplanen und einfordern
  • Und ganz wichtig: Aktivitäten und Fortschritt messen

Ich werde bei Training und Diagnostic am 22. Januar ein weiteres Mal einen Leistungstest machen, um meinen Fortschritt zu messen. Ist keine Leistungssteigerung messbar, dann liegt es daran, dass ich nicht getan habe, was wir vereinbart haben. Denn die Trainingsimpulse und -pläne sind erste Klasse. Das Ziel wird dann noch näher liegen und die verfügbare Zeit noch knapper sein. Und da ist sie wieder, die Messbarkeit und die Notwendigkeit zu handeln.

In den nächsten Wochen werde ich über die eine oder andere unkonventionelle Trainingseinheit, meinen Kampf mit den inneren Widerständen und den aktuellen Zustand meiner Leistungsfähigkeit berichten. Nicht zuletzt auch als Motivation für all die, welche ab und zu eine Extramotivation brauchen. Quasi back to the roots von diesem Blog – als die Fortschritte noch gross waren 😉

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Sportlicher Raubbau, Potentiale und optimierte Trainings

Zum Auftakt des neuen Jahres gibts einen Post in deutscher Sprache. Pünktlich zum Jahresbeginn war ich heute zum Leistungstest bei Training & Diagnostics (einige von Euch kennen das Unternehmen noch unter Exersciences). So toll wie meine Verkaufszahlen des letzten Jahres präsentierten sich meine sportlichen Leistungswerte nicht. Was eigentlich zu erwarten war. Die Gründe dafür sind:  Continue reading Sportlicher Raubbau, Potentiale und optimierte Trainings

Nordpol Marathon 2013: Die Grenzen waren in unserem Kopf (German)

Wir werden wohl alle noch einige Tage oder sogar Wochen brauchen, um zu verstehen, was da oben am Nordpol passiert ist. Und ich spüre, dass mein Körper bald eine Woche danach immer noch das Geschehene verarbeitet. Beide Knie haben nach dem Rennen beschissen ausgesehen und das linke hat mich mehr an einen Punching Ball erinnert als an etwas anderes. Selbst Tage danach spüre noch kleine Muskeln an meinen Füssen und Beinen, die ich nie zuvor gespürt habe. Continue reading Nordpol Marathon 2013: Die Grenzen waren in unserem Kopf (German)

Trainieren in der Kälte

Gestern sind wir bei gut -13°C Intervalle gelaufen. Da stellt sich zurecht die Frage: Ist das überhaupt gesund? Und wie sich aus Gesprächen mit Gleichgesinnten zeigt, beschäftigen sich viele mit dem Thema Kälte und Sport.

Von Marcel Kamm (www.tempo-sport.ch) habe ich dazu unterstehenden Artikel erhalten. Zusammengefasst kann man sagen: Bei geeigneter Bekleidung ist ein Lauftraining bei Temperaturen bis minus 20 Grad unbedenklich (Ausnahmen selbstverständlich für Asthmatiker oder bei bereits entzündeten Bronchien etc., aber dann sollte von intensiveren Trainings eh abgesehen werden). Also zeigst Eurem inneren Schweinehund und geht – zumindest für die Läufe – trotzdem raus. Es muss ja nicht ein Intervall im dunklen Wald sein. Auch ein Longjog mit einem Kollegen ist jetzt eine tolle Sache. Gut bekleidet, ist das überhaupt kein Problem.

Übrigens: Der internationale Skiverband FIS erlaubt Langlaufrennen bei kürzeren Distanzen bis minus 20 Grad und bei längeren Wettkämpfen bis minus 16 Grad. Aber hier nun der Artikel aus der NZZ [Originallink]

«Temperaturen bis minus 20 Grad sind akzeptabel»
Sportmediziner Beat Villiger über die Risiken von Wettkampfsport bei Kälte
NZZ Online: Am Wochenende beginnt die Fussballmeisterschaft in der obersten Schweizer Liga wieder, bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Ist das aus sportmedizinischer Sicht ein Risiko für die Fussballer?
Es gibt verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. Zunächst ist der Boden kälter und härter, insbesondere beim Fehlen von Rasenheizungen. Dies erhöht die Verletzungsgefahr. Muskulatur, Sehnen und Bindegewebe müssen durch intensiveres Aufwärmen dehnbarer gemacht werden. Ein gut aufgewärmter Körper nimmt weniger Schaden bei solch tiefen Temperaturen. Die Kleidung muss vor Ausseneinflüssen schützen, aber auch die Abgabe von Feuchtigkeit und überflüssiger Körperwärme ermöglichen. Die Extremitäten sind speziell empfindlich für Abkühlung und Erfrierung. Bei tiefen Temperaturen braucht der Spitzensportler mehr Energie in Form von Kohlenhydraten. Am gefährdetsten sind aber die Bronchien. Diese entzünden sich und reagieren mit einem Schutzkrampf, wenn kalte Luft eingeatmet wird. Wenn ein Fussballer schon unter Asthma leidet, geht er bei solch tiefen Temperaturen ein höheres Risiko ein.
Ab welchen Temperaturen besteht für Spitzensportler eine Gefahr der Gesundheitsschädigung, wenn sie im Freien bei grosser Kälte Sport treiben?
Hier muss man zwischen Ausdauersportarten mit Dauerbelastung wie Langlaufen und Teamsportarten mit Intervallbelastung wie Fussball und Eishockey unterscheiden. Für die Risikobeurteilung sind die Tiefe der Temperatur und das Atemvolumen (eingeatmete Menge Luft) massgebend. Ein Langläufer setzt während des Wettkampfs jede Minute 120 bis 150 Liter um, ein Fussballer tut dies nur sporadisch. In Fachkreisen ist man sich im Grundsatz einig, dass Aussentemperaturen bis minus 20 Grad noch akzeptabel sind.
Ist eine reine Temperaturbetrachtung nicht trügerisch, weil auch der Wind mit dem Chill-Faktor eine Rolle spielt?
Der Wind-Chill-Faktor spielt vor allem bei den Erfrierungen und genereller Auskühlung eine Rolle. Auf die Lunge hat er praktisch keinen Einfluss. Die Veranstalter von Wettkämpfen, zum Beispiel die Fifa und die Swiss Football League, müssen im Einzelfall entscheiden, wann die Austragung eines Spiels unter Berücksichtigung des Wind-Chill-Faktors zu riskant wird. Die FIS hat für Langlaufrennen Empfehlungen an die Veranstalter abgegeben. Sprintrennen und alpine Wettkämpfe dürfen bis minus 20 Grad, kürzere Rennen (5 bis 15 km) bis minus 18 Grad und Rennen ab 30 km bis minus 16 Grad ausgetragen werden. Diese Abstufung hat mit der Dauer der Belastung der Lunge zu tun.
Sie waren als Arzt von 1992 bis 2010 an Olympischen Spielen dabei. Gab es Wettkämpfe, wo Sportler wegen der Kälte gesundheitliche Folgen erlitten haben?
Bekannt ist das Phänomen des Kälteasthmas bei Langläufern. Erfahrungsgemäss leiden 50 bis 70 Prozent darunter. Wer nicht schon vorher Asthmatiker war, hat gemäss Studien bei norwegischen Langläufern eine Chance von 97 Prozent, dass das Kälteasthma nach der Karriere folgenlos abheilt. An den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer gab es die Empfehlungen der FIS noch nicht. Es wurde ein Rennen bei minus 25 Grad gestartet. Wegen der TV-Übertragung wurde der Start nicht um zwei Stunden verschoben, als es nur noch minus 18 Grad kalt war. Im Anschluss an das Rennen haben die Schweizer Langläufer und auch jene anderer Nationen mit Bronchialproblemen reagiert. Andererseits wären die kältegewohnten Russen auch noch bei minus 30 Grad gestartet… Ich habe zusammen mit anderen Mannschaftsärzten auf eine Temperaturregelung gedrängt. Die FIS-Empfehlungen sind so entstanden.
Hat die Kälte Einfluss auf die Leistung von Spitzensportlern?
Aufgrund von norwegischen Studien sowie unseren Testergebnissen in der Kältekammer des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos wissen wir, dass die Leistungsfähigkeit bei tieferen Temperaturen abnimmt. Bei einer Studie mit Marathonläufern wurde festgestellt, dass bei minus 4 Grad im Vergleich mit plus 5 bis 10 Grad (Idealtemperatur für einen Marathon) ein Leistungsabfall von 10 Prozent resultiert. In einer Studie mit Langläufern wurde bei einem Temperatursturz von minus 5 Grad auf minus 20 Grad ebenfalls ein Leistungsabfall von 10 Prozent gemessen. Nach einer neuen Studie aus dem letzten Jahr ist bei richtig angezogenen Fussballern kein Leistungsabfall bei kalten Temperaturen erkennbar, wenn die Zentralkörpertemperatur in Ordnung ist.
Einige Inspirationen zum Thema Ausdauer in der Kälte. Der Nordpol lässt grüssen.

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Ironman Schwimmsimulation – warum es im Trainingsplan Reize braucht

Gut geschlafen hatte ich diese Nacht nicht, denn ich wusste, dass mein Coach Gilbert auf diesen Tag gewartet hat. Der Gilbert ist ein Schlauer und weiss ganz genau, dass das Schwimmen meine “most disliked” Trainingsdisziplin ist. Und so kam es, dass er gut gelaunt und ich leicht nervös den Weg ins Freibad Käpfnach fanden.

Kurzes Briefing, wie immer mit klarer Ansage. Vor mir lagen 40 x 100m, nach Einschwimmen von 2 x 100m sollten 6 x 100m hart folgen (Startphase), danach 30 x 100m mit Paddles und zum Schluss noch 4 x 100m so wie vom Coach vorgegeben.

Was ich befürchtete sollte sich bewahrheiten. Ein Chef von mir hatte einen Ausdruck für die Situationen, die irgendwann übel werden und danach ganz übel: “When the shit hits the fan”. Oder triathletisch gesprochen: Die erste Krise ist erst der Anfang, danach kommts erst richtig knüppelhart.

Einschwimmen selbstverständlich kein Problem. Allerdings gibts angenehmeres als dies bei Sonnenschein im Neo in einem Pool zu tun. Dafür motivierte mich die Sonne und klares Wasser. Jetzt die Vorgabe: hart ran, 6 x 100m Startphase, dranbleiben, mit Druck vorwärts. Was passiert: mir verschlägts den Atem. Vor lauter Vorwärtsdrang wieder einmal die Atmung nicht im Griff. Davon erhole ich mich nur schlecht und auch nach der Umstellung auf die ruhigeren Einheiten mit Paddles wirds nicht besser. Irgendwo im Bereich 1,4km bin ich dann bereit, den ganzen Scheiss hinzuschmeissen, ich merke aber, dass das den Coach gar nicht interessiert. Eiserne Stille, nur ein klares 3, 2, 1 Go nach jeweils 10 Sekunden Atempause. Und so rette ich mich von Länge zu Länge – übrigens meine ersten in einem 50m Becken. Und die können lange sein. Soviel länger als im 25m Becken.

Einen ersten Motivationsschub spüre ich bei der Ansage: “Halbironman 31 Minuten”. Und weiter gehts. Die Krise ist kurzfristig überwunden, bis Kilometer 2,8 oder so. Ich realisiere, wieviel Kraft die Geschichte braucht und ich bedaure im nachhinein jedes Schwimm- und Krafttraining, das ich im Winter geschmissen habe. Das Aufgeben ist so nahe und ich hangle mich von Länge zu Länge, vermutlich mehr wie ein Zitteraal als mit Körperspannung. Dann der Witz des Tages: “Jetzt will ich 5 Sekunden schneller pro Länge”. Lieber Coach, mein Wunschzettel ist auch lang. Weil er so lieb gefragt hat, ziehe ich etwas an. 5 Sekunden sind es aber nicht, es war gerade mal 1 Sekunde. Dann ein Krampf in beiden Beiden bei Kilometer 3,4. Hoffnungsvoll melde ich es dem Coach und flehe nach Gnade. Sein Kommentar dazu: “Das interessiert niemanden”. Ich wiederhole: “Das interessiert niemanden”. Ich überlege kurz. Recht hat er, draussen in der baltischen See spricht erstens keiner Deutsch und zweitens hören die ja nichts wenn sie schwimmen. Und schon tönts: “3, 2, 1, Go!”. Mein Kräfte schwinden und die Erkenntnis wächst: Da ist nur Luft drin, die Züge fertig zu machen wird unendlich schwer, einen sauberen Catch bringe rechts noch knapp hin, Druck entsteht kaum einer, die Züge enden vor der Druckphase auf halber Länge. Irgendwann landen wir bei “noch 6”, “jetzt noch 2 ohne Paddles” und ich rette mich an den Poolrand.

Resultate und Erkenntnisse:

1. Ohne Coach hätte ich diese Einheit nicht geschwommen. Und schon gar nicht so.

2. Die Halbdistanz schwimme ich mit 31 Minuten schneller als bisher, die Langdistanz schaffe ich in 1 Stunden und 10 Minuten.

3. Den Speed kann ich in der zweiten Hälfte kaum mehr variieren, weil die Kraft fehlt und die Züge dadurch zuwenig Druck entwickeln.

4. Die Trainingseinheiten konsequent qualitativ gut umsetzen, genau so wie angegeben. Und wenn da “all out” steht, “dann musst Du ran bis es brennt” O-Ton Coach. Ja Gilbert, Du hast recht. Zu oft war der Unterschied zwischen easy, moderat, hart und all out verschwommen.

5. Gezielt die nächsten 12 Wochen Kraft trainieren, damit sowohl in der Zug- als auch in der Druckphase noch mehr Speed entsteht. Gross aufholen kann ich nicht mehr, aber qualitativ zulegen geht.

Summa summarum: Luft in den Muskeln und zuviel Monotonie im Wasser. Jetzt braucht es Reize und Tabasco. Vergleiche zu meinen letzten Radtrainings sind durchaus gerechtfertigt: zügig unterwegs, aber ohne Pfeffer. Zügig unterwegs im Wasser ist man mit genügend Training schnell einmal, aber spritzig und taktisch mit schwimmen im Rudel, das wird eine Herausforderung und ist zugleich vermutlich genau der Unterschied, den die richtig schnell von den zügigen unterscheidet. In der Startphase ab und ein Taxi suchen, um dann nach Kilometer 3 nochmals einen Zahn zuzulegen.

Als ich dann das Bad verlasse, spricht mich ein Deutscher an (jetzt sind die auch schon in der Badi), der zeitweise “mitschwamm”, Gilbert über die Schulter schaute und sich alles anschaute. Er meinte in blitzsauberem Hochdeutsch und mechanischer Präzision: “Ein richtiger Sklaventreiber”. Meine spontane und Energie sparende Antwort dazu war: “Ja richtig. Ohne gehts nicht.”  Den Zusatz “zumindest bei mir”, habe ich mir gespart.

Und all jene die sich jetzt fragen, wie kann man Schwimmzeiten als Erfahrungswerte fürs Open Water übernehmen: Wir haben 4 Kilometer gemessen (also inklusive Einschwimmen) und sind mit Paddles geschwommen. Die Paddles haben massiv zu einer schnelleren muskulären Ermüdung beigetragen. Hinzu kommt, dass man alle 50m ein Wende hat und nicht im Wasserschatten des Vormannes schwimmen kann. Die Erfahrung zeigt, dass die Werte ziemlich gut hinkommen.

Also dann, man sieht sich im Hallenbad, in Käpfnach oder beim Open Water Swim von Tempo Sport.

Nach der Brise eine Krise – Ehrgeiz, Trainingsplan und Stress

Seit Scotty zu mir gestossen ist, stieg der Schnitt meiner Trainingsfahrten nach oben. Ich fahre zu schnell. Zuerst das Gefühl, dass das Teil umsetzt, was in die Pedale kommt. Dann das Geräusch, das entsteht, wenn man über 30km/h Stunde damit fährt und die Erkenntnis, dass die Beinarbeit im Winter sich auszahlt. Und dann die Verpflichtung, als Besitzer eine solchen Rads, hart in die Pedalen zu treten. Egal, was der Grund für mein Fehlverhalten war und ist, ich fahre zu schnell und kaum mehr im Grundlagenbereich. Nach der Rückkehr aus meinem Trainingslager – das mein Coach eigentlich hervorragend auf mich abgestimmt hatte – holte mich der Alltag schnell ein. Montagabends angekommen, startete ich am Dienstagmorgen um 5 Uhr in einen Dreitages-Workshop-Marathon mit langen Tagen und wenig Schlaf. Und das nach einem sechsstündigen Radrennen am Samstag zuvor. Gehetzt und gestresst ritt ich durch die Woche. Die Testfahrt auf der Zofinger Intervall-Strecke entglitt mir komplett und wurde zum Fiasko. Der Lauf am Freitag war ganz Übel – ein Leiden ohne Ende. Und am Samstag wollte ich dann eine längere Radfahrt absolvieren. Ganz locker und unbelastet. Aus der Idee wurden im engen Zeitplan 75km in 130 Minuten – also etwa ein 35er Schnitt auf coupierter Strecke – für mein Rookie-Level kein moderates Training. Schlechte Gefühle.

Stopp. So kann das nicht gehen. Nach Rücksprache mit dem Coach, folgten drei Ruhetage und erst am Donnerstag begann ich wieder zu trainieren. Schrittweise fahre ich nun wieder hoch. Und siehe da. Heute ein tolles, erfolgreiches Koppeltraining bei schlechtem Wetter bei mir im Keller. Es geht mir wieder gut. Sehr gut. Morgen freue ich mich aufs Schwimmen und am Montag gehts wieder an die Umsetzung des Plans, wobei für mich das Saisonziel Kalmar ganz deutlich in den Mittelpunkt gerückt ist. Rappi ist zwar in drei Wochen, aber ich setze mich deswegen nicht unter Druck. Und die Teilnahme in Zofingen von morgen Sonntag habe ich komplett gestrichen. Unnötiger Stress, der mich nicht wirklich weiterbringt. Die Umfänge werden grösser und die Trainings sicher nicht leichter.

Die wichtigste Frage ist aber: Hast Du was daraus gelernt?

Jeder von uns rutscht irgendwann in eine Krise. Sei es im Sport, im Geschäft oder Privat. Und Hand aufs Herz. Meistens bleibt es nicht bei nur einer Krise. Wir Menschen neigen dazu, nur zögernd dazuzulernen.

1. Warum härter trainieren als im Plan erwähnt? Genau deshalb trainiere ich ja nach einem Plan. Und bisher hat mir das grosse Fortschritte gebracht. Also: Arbeiten nach Plan und der Coach hat im Zweifelsfalle recht, weil er mehr Erfahrung hat.

2. Sich selber unter Druck zu setzen bringt nichts. Man kann nicht an der Uhr drehen und auch nicht die Leistung über Nacht steigern. Arbeiten mit dem was vorhanden ist und sich selbst nichts beweisen heisst die Devise.

3. Keine unnötigen Stressfaktoren, wenn sonst schon genug Druck vorhanden ist. Wettkämpfe auf dem Weg zum Saisonziel können eine gute Sache sein, in Phasen wo ohnehin schon viel Druck da ist, wirken sie sich negativ aus.

4. Kalmar ist mein Saisonziel und dieses Rennen will ich souverän finishen. Mehr nicht. Alles andere ist Mittel zum Zweck und soll sich unterordnen.

Manchmal braucht es einfach wieder Klarheit über die eigenen Ziele. Und es braucht die Einsicht, dass wir nur Menschen sind und nicht jeden Tag wie eine Maschine funktionieren. Und für Hobbysportler gilt: Finger weg von langen, harten Einheiten die nur Substanz kosten statt gute Gefühle zu produzieren.

Also dann. Es bleiben noch 12 Wochen bis Kalmar. Und auf dem Weg dahin wird in Rapperswil der Russ aus dem Auspuff geklopft 😉