Ironman Schwimmsimulation – warum es im Trainingsplan Reize braucht

Gut geschlafen hatte ich diese Nacht nicht, denn ich wusste, dass mein Coach Gilbert auf diesen Tag gewartet hat. Der Gilbert ist ein Schlauer und weiss ganz genau, dass das Schwimmen meine “most disliked” Trainingsdisziplin ist. Und so kam es, dass er gut gelaunt und ich leicht nervös den Weg ins Freibad Käpfnach fanden.

Kurzes Briefing, wie immer mit klarer Ansage. Vor mir lagen 40 x 100m, nach Einschwimmen von 2 x 100m sollten 6 x 100m hart folgen (Startphase), danach 30 x 100m mit Paddles und zum Schluss noch 4 x 100m so wie vom Coach vorgegeben.

Was ich befürchtete sollte sich bewahrheiten. Ein Chef von mir hatte einen Ausdruck für die Situationen, die irgendwann übel werden und danach ganz übel: “When the shit hits the fan”. Oder triathletisch gesprochen: Die erste Krise ist erst der Anfang, danach kommts erst richtig knüppelhart.

Einschwimmen selbstverständlich kein Problem. Allerdings gibts angenehmeres als dies bei Sonnenschein im Neo in einem Pool zu tun. Dafür motivierte mich die Sonne und klares Wasser. Jetzt die Vorgabe: hart ran, 6 x 100m Startphase, dranbleiben, mit Druck vorwärts. Was passiert: mir verschlägts den Atem. Vor lauter Vorwärtsdrang wieder einmal die Atmung nicht im Griff. Davon erhole ich mich nur schlecht und auch nach der Umstellung auf die ruhigeren Einheiten mit Paddles wirds nicht besser. Irgendwo im Bereich 1,4km bin ich dann bereit, den ganzen Scheiss hinzuschmeissen, ich merke aber, dass das den Coach gar nicht interessiert. Eiserne Stille, nur ein klares 3, 2, 1 Go nach jeweils 10 Sekunden Atempause. Und so rette ich mich von Länge zu Länge – übrigens meine ersten in einem 50m Becken. Und die können lange sein. Soviel länger als im 25m Becken.

Einen ersten Motivationsschub spüre ich bei der Ansage: “Halbironman 31 Minuten”. Und weiter gehts. Die Krise ist kurzfristig überwunden, bis Kilometer 2,8 oder so. Ich realisiere, wieviel Kraft die Geschichte braucht und ich bedaure im nachhinein jedes Schwimm- und Krafttraining, das ich im Winter geschmissen habe. Das Aufgeben ist so nahe und ich hangle mich von Länge zu Länge, vermutlich mehr wie ein Zitteraal als mit Körperspannung. Dann der Witz des Tages: “Jetzt will ich 5 Sekunden schneller pro Länge”. Lieber Coach, mein Wunschzettel ist auch lang. Weil er so lieb gefragt hat, ziehe ich etwas an. 5 Sekunden sind es aber nicht, es war gerade mal 1 Sekunde. Dann ein Krampf in beiden Beiden bei Kilometer 3,4. Hoffnungsvoll melde ich es dem Coach und flehe nach Gnade. Sein Kommentar dazu: “Das interessiert niemanden”. Ich wiederhole: “Das interessiert niemanden”. Ich überlege kurz. Recht hat er, draussen in der baltischen See spricht erstens keiner Deutsch und zweitens hören die ja nichts wenn sie schwimmen. Und schon tönts: “3, 2, 1, Go!”. Mein Kräfte schwinden und die Erkenntnis wächst: Da ist nur Luft drin, die Züge fertig zu machen wird unendlich schwer, einen sauberen Catch bringe rechts noch knapp hin, Druck entsteht kaum einer, die Züge enden vor der Druckphase auf halber Länge. Irgendwann landen wir bei “noch 6”, “jetzt noch 2 ohne Paddles” und ich rette mich an den Poolrand.

Resultate und Erkenntnisse:

1. Ohne Coach hätte ich diese Einheit nicht geschwommen. Und schon gar nicht so.

2. Die Halbdistanz schwimme ich mit 31 Minuten schneller als bisher, die Langdistanz schaffe ich in 1 Stunden und 10 Minuten.

3. Den Speed kann ich in der zweiten Hälfte kaum mehr variieren, weil die Kraft fehlt und die Züge dadurch zuwenig Druck entwickeln.

4. Die Trainingseinheiten konsequent qualitativ gut umsetzen, genau so wie angegeben. Und wenn da “all out” steht, “dann musst Du ran bis es brennt” O-Ton Coach. Ja Gilbert, Du hast recht. Zu oft war der Unterschied zwischen easy, moderat, hart und all out verschwommen.

5. Gezielt die nächsten 12 Wochen Kraft trainieren, damit sowohl in der Zug- als auch in der Druckphase noch mehr Speed entsteht. Gross aufholen kann ich nicht mehr, aber qualitativ zulegen geht.

Summa summarum: Luft in den Muskeln und zuviel Monotonie im Wasser. Jetzt braucht es Reize und Tabasco. Vergleiche zu meinen letzten Radtrainings sind durchaus gerechtfertigt: zügig unterwegs, aber ohne Pfeffer. Zügig unterwegs im Wasser ist man mit genügend Training schnell einmal, aber spritzig und taktisch mit schwimmen im Rudel, das wird eine Herausforderung und ist zugleich vermutlich genau der Unterschied, den die richtig schnell von den zügigen unterscheidet. In der Startphase ab und ein Taxi suchen, um dann nach Kilometer 3 nochmals einen Zahn zuzulegen.

Als ich dann das Bad verlasse, spricht mich ein Deutscher an (jetzt sind die auch schon in der Badi), der zeitweise “mitschwamm”, Gilbert über die Schulter schaute und sich alles anschaute. Er meinte in blitzsauberem Hochdeutsch und mechanischer Präzision: “Ein richtiger Sklaventreiber”. Meine spontane und Energie sparende Antwort dazu war: “Ja richtig. Ohne gehts nicht.”  Den Zusatz “zumindest bei mir”, habe ich mir gespart.

Und all jene die sich jetzt fragen, wie kann man Schwimmzeiten als Erfahrungswerte fürs Open Water übernehmen: Wir haben 4 Kilometer gemessen (also inklusive Einschwimmen) und sind mit Paddles geschwommen. Die Paddles haben massiv zu einer schnelleren muskulären Ermüdung beigetragen. Hinzu kommt, dass man alle 50m ein Wende hat und nicht im Wasserschatten des Vormannes schwimmen kann. Die Erfahrung zeigt, dass die Werte ziemlich gut hinkommen.

Also dann, man sieht sich im Hallenbad, in Käpfnach oder beim Open Water Swim von Tempo Sport.

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patrickutz

don't fear your inner weak. face it.

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