Ein echter Spinner …

Nachdem mein Vater den Rennbericht gelesen hatte, nannte er mich einen Spinner. Ich finde, das ist alles subjektiv. Ein Spinner ist für mich beispielsweise der Dr. Beat Knechtle. Den kennt Ihr nicht? Dann lest mal dieses Interview, das in der Fitness Tribune erschienen ist:

Sind Extrem-Sportler Übermenschen oder Spinner?

FT: Meine erste Frage wirkt vielleicht etwas aggressiv, aber wenn ich auf meine sportliche Karriere zurückblicke, bin ich immer ein bisschen als Spinner im Bekannten- und Familienkreis angesehen worden, obwohl ich nur”. Kampfsportarten betrieb, pro Woche 2-3 mal ca. 4-5 km durch den Wald joggte” und im Fitnesscenter 2-3 mal pro Woche Krafttraining absolvierte. Wir wissen, dass nur ca. 10%-15% der Bevölkerung als Hobby aktiv Sport betreiben, bzw. sogar nur 5% ein Fitnesscenter besuchen. Heutzutage gilt für viele dieser 10% Aktiven ein Triathlet wie Sie es sind als eigentlicher Spinner. Wie gehen Sie mit den Begriffen Übermensch und Spinner um, wie stark fühlen Sie sich angesprochen?

BK: Ein Übermensch bin ich sicher nicht. Als Spinner werde ich oft angeschaut, ich selber betrachte mich aber als Hobby-Sportler und ich fühle mich relativ normal.

FT: In den letzten Jahren hat sich einiges verändert. Sind nicht gerade Menschen wie Sie dabei, die Messlatte immer höher zu stecken? Vor zehn bis fünfzehn Jahren war der Iron Man doch ungefähr das absolute Maximum an sportlicher Leistung, was vollbracht werden konnte-heute absolviert man die zwei- oder dreifache Distanz eines Iron Man. Wenn ich nun bedenke, dass Sie auf einen 10-fachen Iron Man trainieren, den Sie Ende des Jahres machen möchten, dann sprechen wir doch von 38km Schwimmen, von 1800km Radfahren und von 420km Laufen, also der 10-fachen Marathon-Distanz. Nur schon die Schwimmdistanz ist wie eine Überquerung des Ärmelkanals. Ist es nicht unglaublich, dass sogar 5% der echten Hobbysportler, zu denen auch ich mich zähle, und die wirklich etwas für ihre Gesundheit tun, Extremsportler wie Sie als Spinner oder Übermenschen ansehen. Wie gehen Sie damit um?

BK: Ich habe es noch nicht gemacht, ich will es nur probieren. Ich habe bis jetzt sieben dreifache gemacht, vier 2-fache, 9 Iron Man, einige 12- und 24-Stunden Rennen. Das Schwimmen ist für mich kein Problem, ich schwimme in 12 Stunden locker 35,5 km, auch das Radfahren sollte ich überleben, denn ich hatte einmal für 1000km 42 Stunden gebraucht. Bezüglich Laufen: da bin ich in 60 Stunden 250km gelaufen, dieses wird mir also am ehesten ernsthafte Probleme bereiten.

FT: Sind Extremsportler nicht irgendwie Masochisten, dass sie sich so bis an die Grenze fordern bzw. überfordern? Sie, als Vize-Europameister am Double-Ultra-Triathlon 2000 und Vize-Weltmeister an der Double-Ultra-Triathlon-WM in Litauen 1999, haben mir selbst gesagt, dass es am Schluss eines solchen Marathons keine Podiumsehrung gibt, da vor lauter Beinschmerzen keiner mehr das Treppchen hochsteigen könnte.

BK: Ich denke, es braucht sicher eine masochistische Natur, bei all den zu durchleidenden Schmerzen, welche teilweise extrem sind: die Füsse brennen, die Oberschenkel schmerzen, am Ende des Rennens kann man kaum mehr laufen, d.h. wir müssen uns richtiggehend ins Ziel quälen. Aber einmal im Ziel überströmt einen das schöne Gefühl, dass man es wieder einmal geschafft hat.

FT: Das muss wirklich unglaublich sein!-Ich persönlich mache einmal pro Jahr meinen kleinen Triathlon, von dem ich Ihnen gegenüber kaum zu erzählen wage…

Ich schwimme 1,5 km, ich fahre auf dem Rad ca. 45 km ins Maggiatal, laufe meine 10 km und während dem Training mache ich mir so meine Gedanken. Was geht Ihnen während der Absolvierung der riesigen Distanzen so durch den Kopf?

BK: Viel denken kann ich nicht, ich zähle die Stunden und die Runden, ich lasse die Zeit vorübergehen und hoffe, dass ich die Distanz in der Zeit, welche ich mir zum Ziel gesetzt habe, schaffe.

FT: Sind Sie unter Stress, schauen Sie laufend auf die Uhr, um sicher zu sein, in der vorgegebenen Zeit diese und diese Distanz hinter sich gebracht zu haben?

BK: Es ist wirklich ein Stress, ich habe einen genauen Plan, den ich einhalten will pro Stunde, z.B. so und so viele Kilometer, eine genaue Geschwindigkeit und dies stresst extrem.

FT: Resultiert da nicht eine Überbelastung des vegetativen Nervensystems, weil Sie nichts Gesundes tun, sondern nebst der physischen Belastung des Körpers auch noch das Nervensystem strapazieren. Es ist eine Extremsportart für jeden Bereich des Körpers.

BK: Was sicher dazu kommt, ist der Schlafentzug, also wenn wir so 2 Tage ohne Schlaf immer unter Spannung sind. Punkto Ernährung nehmen wir übermässig viele Kalorien ein. Sicher belastet das den Körper, aber der Wettkampf ist ja nur einige Male pro Jahr, die übrigen Monate des Jahres bestehen aus einem vernünftigen Training, ausgewogener Ernährung, möglichst genügend Schlaf und von daher ist es nicht eine so extreme Belastung.

FT: Auch Ihre Frau hat mir gesagt, dass Sie einen unglaublichen Trainings-Zeitplan haben, dass Sie zum Beispiel an einem Wochenende mit dem Fahrrad schnell nach Genf und zurück fahren. Ein normaler Mensch kann sich so etwas nicht vorstellen, jemand wie ich kann sich das noch einigermassen vorstellen, an meinem Vierzigsten bin ich von Zürich nach Locarno gefahren.., aber Sie fahren so nebenbei derart riesige Distanzen! Hin und zurück ca. 550km, wie lange brauchen Sie dazu?

BK: Es waren 650 km und ich war ca. 35 Std. unterwegs. So etwas mache ich mindestens einmal pro Jahr, um mich auch mental wieder an die langen Distanzen zu gewöhnen.

FT: Sie trainieren damit quasi Ihren Durchhaltewillen?

BK: Genau.

FT: Was ist Ihr wöchentliches Trainingspensum?

BK: Das kommt auf die Jahreszeit und auf meine übrige Arbeit an. Im günstigsten Fall stehe ich morgens um 5 Uhr auf, laufe oder fahre mit dem Fahrrad in die Klinik, schwimme eine Stunde, ab 8 Uhr arbeite ich normal als Arzt bis 17 Uhr, allerdings ohne Mittagszeit. Nachher laufe ich die 25 km wieder nach Hause oder mache ein Fahrradtraining bis zu 100 km.

FT: Das ist Ihr durchschnittliches Tagespensum? Machen Sie das jeden Tag oder machen Sie auch einmal einen Ruhetag?

BK: Jeden Tag. Einen Ruhetag habe ich nur, wenn ich Nachtdienst in der Klinik mache. Dann trainiere ich nicht, weil ich arbeiten muss.

FT: Ich stelle jetzt die Behauptung auf, dass irgendetwas unter Ihrer extremen Ausübung von Sport leidet. Der Tag hat nur 24 Stunden. Von diesen 24 Stunden schlafen Sie ca. 6 Stunden, haben einen Fulltime-Job als Arzt, haben eine Familie, Sie sind journalistisch tätig, unter anderem für die Fitness Tribune, Sie sind zudem Berater einer Sporternährungsfirma, wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

BK: Ich habe einen strukturierten Tages- bzw. Wochenablauf, meine Frau unterstützt mich, d.h. sie erledigt im Hintergrund sehr viel für mich, also alle Materialbelange. Sie organisiert Reisen, telefoniert, schreibt Briefe etc. Privat lebe ich sehr zurückgezogen, habe eigentlich kaum andere soziale Kontakte. Das Leben besteht mehr oder weniger nur aus Arbeiten, Essen, Schlafen, Trainieren.

FT: Sind Extremsportler zudem nicht sehr einsame Menschen? Viele haben ja nicht einmal eine Familie, allenfalls eine Sportlerfreundin, welche Verständnis hat, das Zwischenmenschliche bleibt doch so total auf Sparflamme.

BK: Ich trainiere alleine, im Wettkampf bin ich alleine auf mich gestellt, aber dies stört mich nicht in dem Sinne. Wenn etwas in die Hose geht, muss ich mich selbst rüffeln-und wenn ich irgendwo gut bin, dann bin ich auch selber dafür verantwortlich. FT: Wie sind Sie auf den Geschmack des Extremsports gekommen, darauf, sich selber so zu quälen, wieviele Jahre machen Sie das schon?

BK: Als Zehnjähriger habe ich angefangen zu schwimmen. Mit 16 hörte ich mit Schwimmen auf und fing an Rad zu fahren. Da entdeckte ich die langen Distanzen und bin schon als 20-jähriger 300 km am Stück gefahren, habe grosse Etappen über Pässe zurückgelegt, aber man hat mich erst mit 30 auf den Triathlon aufmerksam gemacht. Weil ich schon älter bin, konnte ich an Kurzdistanzen keine grosse Freude mehr haben, auch Iron Man, das ist für mich eine zu grosse Hetzerei. Fasziniert hat mich, meine Grenze zu suchen, zu erkennen wo sie ist und was ich noch schaffen kann.

FT: Wie alt sind Sie heute?

BK: Ich wurde kürzlich 36 Jahre alt.

FT: Sind Sie als Extremsportler der Massstab einer neuen Generation? Könnte man sagen, wenn Sie heute zwei- und dreifache Triathlons machen, dann müssten unsere Kinder und Enkel 10- oder gar 100-fache Triathlons bewältigen, alles unter dem Titel Hobbysportler”, und Leute wie ich würden als ganz normale Aktivität Iron Man absolvieren. Diejenigen, welche heute noch gar keinen Sport treiben, würden als Normalfall im Fitnesscenter trainieren und es gäbe eigentlich überhaupt keine unsportlichen Leute mehr. Setzen Sie als Extremsportler Trends in dieser Richtung?

BK: Es wäre zu hoffen, dass Ausdauersport zunimmt, weil die Bevölkerung ja immer weniger körperlich aktiv ist. Ob es sich aber so extrem entwickeln wird, wie Sie schildern, wage ich zu bezweifeln. Veranstalter wie Athleten an solchen Ultratriathlons sehen, dass sehr wenige Menschen auf der Welt bereit sind, sich derart zu quälen. Weltweit gibt es nur wenige hundert, welche so etwas schon gemacht haben. Dies zeigt, dass eine grosse Hemmschwelle besteht.

FT: Glauben Sie nicht, dass etliche Leute aus finanziellen Gründen nicht einsteigen? Ich persönlich kenne einige Leute, welche finanzielle Gründe als Hemmschwelle geäussert haben. Auch Sie brauchen doch einen Sponsor, um in der Welt herumfliegen und teilnehmen zu können, wie machen Sie denn das?

BK: Eines ist sicher. Ich arbeite Vollzeit und habe als Arzt ein vernünftiges Einkommen. Daneben habe ich einige Sponsoren, welche mich im Bereich Materialsponsoring unterstützen. Ich habe einen Fahrradmechaniker, welcher meine Wettkampfräder perfekt in Ordnung hält. Wenn ein Wettkampf in Europa stattfindet, ist das nicht teuer, man muss z.B. mit dem Auto nach Österreich fahren, das Startgeld beträgt ca. CHF 350.-, Übernachtung auf dem Campingplatz, Essen aus dem Supermarkt, das sollte eigentlich nicht so rasch das finanzielle Budget einer Person sprengen.

FT: Aber ist das nicht ein Witz, dass Sie für die grosse Leistung, welche Sie erbringen, noch CHF 350.- Startgeld bezahlen müssen? Da starten ja nur 10 Leute.

BK: Je nach Wettkampf starten bis zu dreissig Leute und auch die Veranstalter sind finanziell nicht auf Rosen gebettet, sie haben sicher Sponsoren. Aber auch wenn ich zu den besseren Athleten gehöre, bezahle ich mein Startgeld wie alle anderen, ich habe keine Sonderposition.

FT: Wenn jemand dieses Interview bis hierhin gelesen hat, wird er denken: das ist ja ein Wahnsinniger, seine Leistung ist übermenschlich. Meine direkte Frage an Sie: glauben Sie, dass unter diesen paar hundert Extremsportlern Doping eine Rolle spielt, bzw. dopen Sie sich irgendwie, um überhaupt solche Leistungen erbringen zu können?

BK: Was die anderen machen, das weiss ich nicht, ich selber dope mich aber sicher nicht, denn ich würde als Arzt ja unglaubwürdig werden. Ich persönlich schaffe das mit einem ganz normalen Training und mit gezielter Ernährung. Wir sind uns bewusst, dass gewisse Athleten, welche sehr gute Leistungen erbringen, wahrscheinlich nicht allzu sauber sind auf diesen Ultradistanzen. Wir können das folgendermassen erkennen: wenn alle im Feld leiden, es allen dreckig geht, und einer nicht leidet, dann fällt das schon auf. Aber ich denke, dass man diesen Verdacht wirklich auf ganz wenige Personen beschränken kann. Der grösste Teil der Athleten ist von mir aus gesehen in Ordnung.

FT: Sie haben mir vorhin erzählt, dass viele Sportler bei Ihnen Rat holen. In der Zwischenzeit haben Sie ein unglaubliches Wissen aufgebaut punkto Sporternährung. Via Fitness Tribune und ECR Pharma GmbH vermitteln Sie dieses Wissen einem breiten Publikum und Ihre Kolumne kann auch via Internet abgerufen werden. Sie haben festgestellt, dass die allermeiste Sportnahrung, welche zur Zeit verkauft wird, für Ausdauersportler ungeeignet ist. Warum?

BK: Grundlage für jeden Athleten ist eine vernünftige, ausgewogene Ernährung, wie sie der Durchschnittsmensch auch zu sich nehmen sollte. Für mehrstündige Ausdauerbelastungen muss einfach das Volumen erhöht werden. Die Frage nach Supplementen, welche die Leistungen verbessern sollten, ist bei Extremdistanzen nicht sehr relevant, denn da kommen ganz andere, limitierende Faktoren dazu. Die regelmässige und adäquate Nahrungseinnahme während eines Ultrawettkampfes ist sicher von zentraler Bedeutung. Ob Supplemente, also leistungsfördernde Ergängzungspräparate, während einem Wettkampf, einzunehmen sind darüber kann man sich sehr streiten. In der Trainingsphase kann man den grössten Teil mit einer normalen Ernährung, welche an den sehr grossen Energieverbrauch angepasst ist, decken.

FT: Das bedeutet, Sie essen Bananen, Kohlehydrate, Pasta, ist das Ihre Hauptnahrung während des Trainings?

BK: Während des Jahres teile ich das in Zyklen ein. Um den Fettstoffwechsel zu trainieren etabliere ich Phasen, während denen ich fast nichts esse, damit ich das körpereigene Fett abbaue, bis ich total abgemagert bin, dann gibt es Phasen, wo ich unmittelbar vor dem Wettkampf hochprozentige Fettdiäten durchführe, damit ich meine Speicher in der Muskulatur und auch das Fettgewebe wieder aufbaue, damit ich dann im Wettkampf von meinen eigenen Fettreserven zehren kann.

FT: Sie leeren also zuerst Ihre Fettdepots, damit sie sich nacher besser auffüllen?

Sie vertreten also die Ansicht, dass die Depots besser oder nachhaltiger aufgebaut werden können, wenn man sie zuerst leert. Wieso?

BK: Ich richte mich nach Resultaten aus Tierstudien, welche auch vereinzelt an Menschen ausprobiert wurden. Bei mir funktioniert es, indem ich versuche, meine körpereigenen Fettreserven extrem abzubauen und nacher möglichst extrem aufzufüllen, damit ich während dem Wettkampf genügend körpereigene Reserven habe.

FT: Womit füllen Sie die auf? Essen Sie den ganzen Tag Speck?

BK: Nein, aber ein bisschen ungesund muss man schon essen. Z.B. Mayonnaise auf das ganze Essen, mindestens eine halbe Tube pro Tag. Dann sehr viel Rahm, fetthaltiges Fleisch, nach Möglichkeit auch pflanzliche Öle, einfach so wie es normalerweise nicht sein sollte, relativ ungesund.

FT: Also machen Sie in einer ersten Phase das, was ein Bodybuilder in der Endphase macht. Bevor er auf die Bühne geht, verbrennt er nochmals sein Fett. Sie machen eigentlich etwas, was ein normaler Mensch keinesfalls tun sollte, nämlich, Sie essen sehr ungesund. Da frage ich mich, belasten Sie damit Ihren Körper und speziell Ihr kardiales System nicht unnötig? Glauben Sie nicht, dass Sie so das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen?

BK: Ich werde darauf auch in der Klinik oft angesprochen von den leitenden Ärzten, da diese meine Ernährungsmethoden mittlerweile kennen. Ich denke aber aus der Sicht der Muskelphysiologie und der Leistungsphysiologie, sowie aufgrund von Studien, welche dies dokumentieren und aufgrund meiner eigenen Leistungen, dass es funktioniert. Sicher gehe ich ein gewisses Risiko ein, aber auch diese enormen Fettdiäten führe ich nicht das ganze Jahr durch. Das ist nur in den zwei bis vier Wochen vor dem Wettkampf. Nachher, gerade vor dem Wettkampf, werden noch Kohlehydrate geladen”, z.B. mit Spaghetti etc.

FT: Würden Sie mir also bestätigen können, dass Ihre gut sichtbaren Fettpölsterchen zu Beginn des Wettkampfes nach zwei bis drei Tagen völlig verschwunden sind?

BK: Genau. Ich war Versuchsperson für eine Studie an einem Wettkampf. Ich ging mit 80kg an den Start, kam mit 75kg ins Ziel, dies wurde offiziell gewogen. An meinem Bauch habe ich deutlich gemerkt, dass das Fett auf die Hälfte zurückgegangen war.

FT: Haben Sie auch das gemessen?

BK: Das wurde mit einer Impedanzmessung durchgeführt. Da die Studie noch nicht abgeschlossen ist, habe ich noch keine Resultate bekommen, vermutlich wird sie noch im Laufe dieses Jahres herauskommen.

FT: Wir haben nun gesehen: während ein Fitnesssportler Nahrung mit möglichst wenig Fett zu sich nimmt, nimmt ein Ausdauersportler Nahrung mit möglichst viel Fett zu sich. Wie sieht das nun aus während der Zurücklegung grosser Distanzen? Wenn Sie z.B. nach Genf radeln, werden Sie doch Proviant dabei haben. Woraus besteht der?

BK: Ich nehme einen grossen Rucksack mit, packe ihn mit Käse- und Fleischsandwiches voll, habe Elektrolytpulver dabei, welches ich im Wasser irgendeines Brunnens auflösen kann. Das reicht dann für gut 35 Stunden.

FT: Und Sie befürchten nicht, dass das Brunnenwasser ungesund sein könnte? Wie sieht es bei Auslandreisen aus?

BK: Ich habe dasselbe auch in Frankreich gemacht, als ich von Genf nach Nizza fuhr und wieder retour. In der Nacht kann das ein Problem sein, so dass ich halt 1-2 Liter Wasser im Rucksack mitführe.

FT: Wieviele Liter trinken Sie?

BK: Im Training versuche ich auf langen Distanzen möglichst wenig zu essen und zu trinken. Während einem Wettkampf trinke ich aber bis zu 2 Liter pro Stunde.

FT: Und wie machen Sie das, wird Ihnen das Wasser mit Fahrzeugen gebracht? Sie können doch Ihren Rhythmus nicht ständig unterbrechen.

BK: Beim Radfahren ist das kein Problem, da ich 1-2 Bidons am Rad besfestigt habe. Es wird in Runden gefahren und teilweise gibt es ein Begleitfahrzeug, dessen Team dann darauf achtet, dass ich genügend trinke. Ich lasse ein Protokoll führen, so dass ich pro Stunde mindestens 800ml, d.h. ein Bidon trinke. Wie gesagt, auf dem Rad geht das ganz gut aber auf der Laufstrecke, da habe ich teilweise einen Begleiter neben mir auf dem Fahrrad, der mir alle 5-10 Minuten einen Schluck zu trinken gibt.

FT: Ihr Ziel ist es, Weltmeister zu werden in diesem Jahr. Sie sind einmal Vize-Europameister und einmal Vize-Weltmeister geworden, ein Weltmeistertitel wäre doch die Krönung.

BK: Nein, das ist nicht mein Ziel, ich will nur eine gute bzw. schnelle Zeit erreichen. D.h. ich setze mir ein Ziel, dass ich in der und der Zeit so und so viele Kilometer machen möchte. Gewinnen ist nicht mein Ziel.

FT: Ihr Ziel ist es einfach, durchzuhalten?

BK: Genau.

FT: Wir sind hier in der Klinik Gais, Sie sind Spezialist im Cardiobereich. Der Mensch sollte Cardiotraining machen, er muss etwas tun gegen Herz- und Gefässerkrankungen. Ich persönlich vermisse die Basis, denn die Basis jeder Sportart ist doch Krafttraining. Inwiefern setzen Sie sich für Krafttraining ein?

BK: Eigentlich gar nicht.

FT: Ist das nicht ein Fehler? Haben Leute gegen die Vierzig, Fünfzig ohne Krafttraining nicht viel mehr Probleme mit dem Körper? Gelenkprobleme, Sehnenprobleme, Knorpelprobleme, weil dem Körper ein Sicherheitskorsett, in Form von Muskulatur, fehlt?

BK: Ich habe in der Zeit zwischen 16- und 24-jährig intensiv Krafttraining ausgeübt. Ich bin viel geschwommen, habe Oberkörpertraining gemacht, die Beine weniger trainiert, denn mein Ziel war, möglichst schnell 50m Crawl zu schaffen, ich war da knapp über 25 Sekunden… seither habe ich kaum mehr Krafttraining gemacht, eigentlich gar nicht mehr.

FT: Wieso empfehlen Sie den Ausdauersportlern nicht das Krafttraining? Dass diese wenigstens 10% ihrer Trainingszeit in Krafttraining investieren würden, auch Kniebeugen etc. machen würden, wo man unter anderem lernt, die Gelenke besser zu schliessen und vieles mehr! Krafttraining ist doch die Basis für praktisch jede Sportart.

BK: Vor allem für den Rücken wäre das gut; Rückentraining für den erector spinae, damit keine Rückenschmerzen auftreten bei langen Radfahrten. Ich selber habe schlichtweg keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, Prioritäten zu setzen und bisher habe ich gottlob keine Rückenschmerzen gehabt.

FT: Was mir an Ihnen imponiert ist nicht nur, dass Sie sich immer wieder an physische und psychische Grenzen bringen, sondern dass Sie auch Versuchskaninchen sind und in Sachen Ernährung da und dort ein gewisses Risiko eingehen, um weiterzukommen. Natürlich geben Sie Ihre Erkenntnisse in Ihren Publikationen und Kolumnen weiter, aber würden Sie auch den letzten Tip, den Sie für sich herausgefunden haben, Ihrem Gegner weitergeben? Sie werden ja von sehr vielen Sportlern angerufen, behalten Sie nicht das eine oder andere Geheimnis für sich?

BK: Bisher habe ich, wenn jemand danach gefragt hat, alle meine kleinen Geheimnisse preisgegeben. Man kann von mir kopieren was man will, ich habe damit keine Probleme.

FT: Wann wird Herr Dr. Knechtle sagen, er hätte nun genug trainiert und spiele ab jetzt nur noch Golf, oder besteht die Gefahr, dass Sie sich eines Tages doch zu viel zugemutet haben und mit ernsten Schädigungen leben müssen?

BK: Ich habe mir gesagt, dass ich bis an mein Lebensende trainieren werde. Daran halte ich fest, egal was passiert, egal wie alt ich werde, ich werde bestimmt noch mit 80 Rad fahren und schwimmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein Sportkrüppel” werde, zur Zeit habe ich nur ein paar Blasen an den Füssen, sonst tut mir nichts weh. Was ich am liebsten mache, ist gemütlich vor mich hin trainieren, das werde ich lange machen und die Wettkämpfe werde ich mit spätestens 60 sicher zurückschrauben. Ich denke aber, jetzt bin ich auf dem Zenith meiner Möglichkeiten und werde noch bis 40 alles aus mir herausholen, was möglich ist. Später wird es entsprechend meiner Möglichkeiten weitergehen, denn es werden jüngere Gegner kommen, das ist ganz klar. Aber mitmachen und durchhalten wird auch mit 80 noch mein Ziel sein.

FT: Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit in diesem Interview. Zum Schluss bitte ich Sie noch, unserer Leserschaft ein paar wesentliche Worte mit auf den Weg zu geben.

BK: Ein Zitat von Grillparzer: “Eins, nur eins ist Glück hienieden, des Innern stiller Frieden.” Ich denke, dass jeder auf seine Art sein Glück im Leben suchen sollte und auch einen anderen, der anders denkt und anders ist, von Grund auf akzeptieren sollte.

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patrickutz

don't fear your inner weak. face it.

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